griechische Klassik


griechische Klassik
griechische Klassik
 
Athen war nicht Griechenland, aber sowohl die Zeitgenossen als auch die nachfolgenden Generationen der Antike sahen es immer als den Mittelpunkt griechischer Kultur an. So prachtvoll die Bauten Großgriechenlands und Siziliens waren, so viel Sizilien zur geistigen Entwicklung Griechenlands beitrug, so zentral etwa die Rolle Milets und Korinths in Kultur und Geschichte war — die meisten Quellen haben wir aus Athen. Denn Athen war tatsächlich die schöpferischste Stadt Griechenlands und hat eben deshalb auch zahlreiche außerathenische Talente angezogen. Zudem hat Athen mit der Demokratie eine Staatsform hervorgebracht, die zwar zunächst eine Ausnahme war, sich aber später als die typische für ganz Griechenland entwickelte. Aus all diesen Gründen ist es gerechtfertigt, der Kulturleistung und dem täglichen Leben Athens ein eigenes Kapitel zu widmen.
 
 Agora und Akropolis
 
Die erste Orientierung ist nicht schwer, denn Athen wird überragt vom religiösen Zentrum der Akropolis. Am Nordfuße dieses Berges dehnt sich die Agora mit ihren öffentlichen Gebäuden aus, der Marktplatz der antiken Stadt als Zentrum des politischen und auch des geschäftlichen Lebens. Westlich an die Akropolis schließt sich der Areshügel, der Areopag, an, der Ort, an dem der nach diesem Hügel benannte Rat zusammenkam, wenn er nicht in einem Gebäude auf der Agora tagte. Westlich daneben liegt der Hügel namens Pnyx, an dessen Nordabhang die Volksversammlung zusammentrat. Wenn wir nun als heutige Touristen wieder nach Osten gehen, treffen wir am Südostabhang der Akropolis im heiligen Bezirk des Dionysos auf das Theater; daneben lag der kaiserzeitliche überdachte Bau des Odeion des Herodes Atticus, also einer Konzerthalle. Etwas weiter östlich in der Ebene stand der Tempel für den olympischen Zeus, begonnen durch die Peisistratossöhne, beendet erst unter dem römischen Kaiser Hadrian. Hadrian war es auch, der nördlich davon einen neuen Stadtteil anlegte. Östlich an die Agora anschließend befand sich seine von ihm erbaute Bibliothek mit dem Hadriansforum; südlich lag parallel dazu der Römische Markt des Augustus und Trajan, davor sieht man den herrlichen Bau des Turmes der Winde aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., der außen mit Sonnenuhren, innen mit einer Wasseruhr ausgestattet war. Er war Vorbild für das von Schinkel gestaltete Schlösschen Tegel in Berlin. Im Nordwesten lag das Dipylontor, das Haupttor der Stadtmauer, im Töpferviertel Kerameikos, gleich anschließend an den Staatsfriedhof der Athener. Die Wohnviertel, heute verhältnismäßig wenig ausgegraben, lagen in verschiedenen Gegenden, etwa zwischen Areopag und Pnyx oder in der Hafenstadt Piräus.
 
Athen war seit der klassischen Zeit und dann die gesamte Antike hindurch das Reiseziel unzähliger Besucher; zunächst wohl nur solcher, die in Athen zu tun hatten, dann aber auch von Leuten, die die historischen Sehenswürdigkeiten dieser glanzvollen Stadt sehen wollten, mit einem Wort: von Touristen. Ein solcher Tourist war im 2. Jahrhundert n. Chr. der Reise- und Kunstschriftsteller Pausanias; wir folgen ihm nun auf seinem Rundgang, wobei wir die Vergangenheit und die heutige Gegenwart miteinander verbinden wollen. Wir betreten die Stadt durch das Dipylontor und durchqueren zunächst den Staatsfriedhof mit zahlreichen imposanten Grabmälern von Personen, die die griechische Geschichte bestimmten, aber auch von Privatleuten; und als Besucher am Ende des 20. Jahrhunderts n. Chr. bemerken wir, dass sich dort das Grabungshaus des Deutschen Archäologischen Instituts mit angeschlossenem Museum befindet. Wir haben Mühe, die verschiedenen Stadtmauern auseinander zu halten, etwa zu erkennen, welche die von Themistokles listig errichtete Mauer ist und welche später dazukamen. Weiter geht es auf der Panathenäenstraße, die nach dem Weg bezeichnet ist, den der Festzug der Panathenäen genommen hat.
 
Sie führt zur Agora. Nach Durchschreiten des Markttores gehen wir links, am Nordrand der Agora — nördlich der heutigen, tief einschneidenden U-Bahnlinie Athen —Piräus — in die Stoa Poikile, also in die »Bunte Halle«. Als Stoa wird eine überdachte Säulenhalle bezeichnet, die auch mehrstöckig sein und sogar Räume für geschäftliche Zwecke aufweisen konnte. Die Stoa Poikile hieß deshalb so, weil sie, im Jahre 457 v. Chr. errichtet, mit historischen Wandgemälden ausgestattet war; zunächst die Schlacht von Oinoe aus der Zeit nach den Perserkriegen, dann die Amazonenschlacht, gefolgt von der Einnahme Trojas, und schließlich die Schlacht von Marathon: Sagenhafte Ereignisse wurden also als historische Begebenheit verstanden. Einer der Maler war Polygnot von Thasos — also ein Nichtathener, den es in die Kulturstadt Athen gezogen hatte. Wie schade, dass das alles verloren ist!
 
Einen der bei Pylos erbeuteten spartanischen Schilde, die in der Stoa Poikile als Weihgeschenke ausgestellt waren, können wir allerdings heute noch im Agoramuseum sehen. Und in anderer Beziehung lebt die Bunte Stoa sogar noch in unserem Sprachgebrauch weiter. Als am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Zenon aus Kition in Athen begann, seine philosophischen Vorstellungen vorzutragen, tat er das in Ermangelung eines passenden privaten Gebäudes öffentlich in der Stoa Poikile, und man nannte daher die Leute, die seine Philosophie vertraten, die »Leute von der Stoa«, also die Stoiker.
 
Jetzt biegen wir rechts ab und gehen den Westrand der Agora entlang. Zuerst bemerken wir die Stoa Basileios, also die Stoa, in der der Archon Basileus seinen Dienstsitz hatte und in der manchmal der Rat vom Areopag tagte. Als Nächstes schließt die prachtvolle Stoa des Zeus Eleutherios an, die dem Freiheits-Zeus gewidmete Stoa. Sein Kult wurde zur Erinnerung an die Perserkriege eingerichtet, die Stoa allerdings erst zu Beginn des Peloponnesischen Krieges gebaut, insofern ein Zeichen dafür, dass anscheinend höchste Freiheit als etwas aufgefasst wurde, das zur Unterdrückung anderer berechtigte. Die praktische Funktion des Baues ist nicht bekannt; man weiß aber, dass er ein beliebter Treffpunkt von Sokrates und seinen Freunden war. Blickte man im Weitergehen nach rechts, dann erhob sich dort ein dorischer Tempel, im 5. Jahrhundert v. Chr. gebaut, das Hephaisteion, also der Tempel des Schmiedegottes Hephaistos. Er ist heute noch sehr gut erhalten, denn er wurde früh in eine christliche Kirche umgewandelt. Blickte man nach links, dann sah man die Standbilder der zehn Phylenheroen, an deren Basis öffentliche Anschläge angebracht wurden, etwa die Tagesordnung der Volksversammlung.
 
Die Westseite der Agora wurde von drei öffentlichen Gebäuden abgeschlossen. Zuerst kam das Metroon, ein Bau, der bis etwa 406 v. Chr. als Sitz des Rates der Fünfhundert diente; dann war er das Staatsarchiv. Seinen Namen hat er von dem Kult der Mutter der Götter ( meter heißt Mutter), der dort seinen Platz hatte. Hinter dem Metroon wurde von 415 bis 406 v. Chr. ein neues Gebäude für den Rat errichtet, das Neue Buleuterion. Südlich des Metroon schließlich stand ein runder Bau, der einfach mit dem Namen für jeden Rundbau bezeichnet wird, Tholos. In dieser Tholos tagte ununterbrochen die jeweilige Prytanie, also das aus den Abgeordneten einer Phyle bestehende Zehntel des Rates, das für ein Zehntel des Jahres die laufenden Geschäfte führte. Weil sie ständig anwesend sein mussten, mussten sie verpflegt werden, und man hat tatsächlich dort Geschirrbruchstücke gefunden, die mit den Buchstaben ΔE (Delta, Epsilon) gekennzeichnet waren; das war die Abkürzung für demosios, »staatlich«, und mit dieser Kennzeichnung sollte wohl verhindert werden, dass der eine oder andere Abgeordnete seiner Frau durch die Erweiterung des häuslichen Geschirrvorrats mittels schöner Stücke aus Staatseigentum eine Freude machte.
 
Die Südseite des Marktes wurde durch die Gerichtsgebäude abgegrenzt. Die Ostseite war in klassischer Zeit unbebaut; aber im 3. Viertel des 2. Jahrhunderts v. Chr. baute König Attalos II. von Pergamon den Athenern eine schöne große Stoa dorthin. Sie muss deshalb erwähnt werden, weil sie in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts von den amerikanischen Archäologen, die die Agora ausgraben, detailgetreu wieder aufgebaut worden ist. Der zweistöckige Bau diente im Altertum als willkommener Schattenspender, und seine 42 Räume beherbergten Läden. Heute befindet sich dort das Agoramuseum.
 
Blickt man von ihrer offenen auf die Agora gerichteten Seite nach links, sieht man, was schon ohnehin die ganze Zeit gegenwärtig war, den hohen nördlichen Abhang des Akropolisfelsens und über seinen Rand hinweg die Dächer seiner prunkvollen Bauten. Der Abhang ist von Wegen und Höhlen durchzogen, die in der Antike zum Teil als Aufgänge und Heiligtümer Bedeutung hatten. Man sieht auch kurz vor dem oberen Rand große Säulentrommeln verbaut, und das sind Reste, die von den Athenern selbst nach der Zerstörung der Bauten durch die Perser als Mahnmale dort eingelassen worden sind, insofern vielleicht — aber wirklich nur vielleicht — vergleichbar mit dem Ruinenstumpf der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Auf die Akropolis wollen wir jetzt, wir wählen aber nicht den Panathenäenweg, der quer über die Agora direkt dorthin führt, sondern wir gehen über die Südostecke, an einem Gebäude vorbei, von dem archäologische Funde vermuten lassen, dass es das Staatsgefängnis war, in dem Sokrates den Giftbecher getrunken hat. Wir machen einen kleinen Umweg, indem wir unten am Pnyxhügel vorbeigehen, dessen architektonische Strukturen kaum mehr erhalten sind, von dem wir uns aber gut vorstellen können, wie dort das Volk von Athen gesessen, im 5. Jahrhundert v. Chr. sein Seereich regiert und verspielt, im 4. die Demokratie erneuert und die Auseinandersetzung mit Makedonien geführt hat. Wenn wir uns dann weiter nach links wenden und am Areopag vorbeigehen, kommen wir wieder auf den Panathenäenweg, und uns bietet sich ein herrlicher Anblick.
 
Am hoch gelegenen Ende des Aufweges vor uns erhebt sich strahlend das Tor zur Akropolis, die Propyläen des Mnesikles, dahinter ahnen wir das Wunderwerk athenischer Baukunst, den Parthenon, und alles überragte, zwischen beiden stehend, die 9 m hohe Statue der Athena Promachos, 450 v. Chr. errichtet. Ihre goldene Lanzenspitze glitzerte im Sonnenlicht, nicht nur aus ästhetischen Gründen, denn sie konnte auch von den Seeleuten zwischen Kap Sunion und Piräus als Orientierungsmerkmal genommen werden. Beim Hinaufgehen bemerken wir rechts den kleinen eleganten Niketempel, der gegen 420 v. Chr. vollendet wurde, und oben angekommen, drehen wir uns noch einmal um: Da sehen wir vor uns den ehrwürdigen Areopag, dahinter die Pnyx mit der Volksversammlung, und wir machen uns klar, dass umgekehrt von der Pnyx aus die schimmernde Akropolis sichtbar ist. So ungeheuer viel hat sich nun oben auf dem Berg angesammelt, dass wir uns nur das Wichtigste ansehen.
 
Wir gehen an den Torbauten rechts und links vorbei, lassen den Niketempel beiseite und steuern geradewegs auf den Parthenon zu. Seine Anziehungskraft ist, so ernüchternd das klingen mag, von den Athenern, besonders von Perikles, geplant gewesen. 447 wurde er begonnen, 432 v. Chr. beendet, und gedacht war er — zusammen mit den anderen Bauten der Zeit — dazu, auf die anderen Griechen und besonders auf die Untertanen des athenischen Seereiches den Eindruck zu machen, den er auf uns macht. In einer Rede des Perikles, die bei Thukydides überliefert ist, können wir nämlich lesen, dass diese Bauten den Seebundstädten zeigen sollten, dass sie von keinem Unwürdigen beherrscht wurden. Dass Perikles einen Renommierbau ersten Ranges errichten wollte, zeigt allein die Tatsache, dass er den Baustopp des bereits halb fertigen Vorparthenon des Kimon, des Anführers der gegnerischen Partei der Oligarchen, durchsetzte und dann sogar die bereits fertigen Teile abtragen ließ, um sein Parthenonprojekt zu realisieren und um die Erinnerung an den größten innenpolitischen Gegner auszulöschen.
 
Ganz ungewöhnlich war bereits die Größe des Baues. Die Schmalseiten hatten acht — der Vorparthenon war schmaler und auf sechs Säulen angelegt —, die Längsseiten 17 Säulen, alles aus pentelischem Marmor. Wegen seiner Riesenhaftigkeit musste etwas getan werden, damit man beim Ansehen nicht den Eindruck bekam, die Fluchtlinien sackten in sich zusammen. Daher neigen sich die Säulen etwas nach innen, und die Stufen an den Seiten erheben sich leicht zur Mitte hin, diese optische Korrektur nennt man fachsprachlich Kurvatur. Der Bau ist dreifach geschmückt. Im Giebelfeld der Westseite ist der Kampf Athenes mit Poseidon um die Vorherrschaft in Athen zu sehen, und die Westmetopen zeigen den Amazonenkampf, die Nordmetopen die Eroberung Trojas, die Ostmetopen den Gigantenkampf der Götter und die Südmetopen den Kampf der Kentauren gegen die Lapithen — alles Themen, die von Kämpfen gegen unzivilisierte Wesen zeugen und insofern gewiss eine Anspielung auf die Perserkriege sind, als deren Hauptsieger sich hier Athen darstellt. Das Giebelfeld im Osten zeigt die Geburt der Athene aus dem Haupt des Zeus, zusammen mit dem Westgiebel also eine Huldigung an Athene, die Göttin, die der Stadt den Namen gegeben hat und die die Verkörperung von Kunst und Wissenschaft darstellt. Wir stehen mittlerweile also an der Ostseite, der Haupt- und Eingangsseite griechischer Tempel, aber etwas fehlt, was für alle Tempel unabdingbar ist, nämlich der Altar. Er war immer draußen vor dem Tempel, und auf ihm wurden die Opfer für den Gott oder die Göttin vollzogen. Wenn der Parthenon keinen Altar hatte, war er dann vielleicht nur ein Schatzhaus? Dazu später mehr.
 
Wir betreten den Parthenon durch die doppelte Säulenreihe und gelangen in die Cella, also den Kernraum mit dem Götterbild der Athena Parthenos. Dort thronte sie nun, mit 12 m (andere sprechen von 10 m) wahrlich überlebensgroß, Athene, von dem Athener Phidias aus Gold und Elfenbein geschaffen, und um sie herum Weihgeschenke aller Art in blendender Pracht. Hier kann es aber wohl keine Deutungsprobleme geben? Leider doch. Dass die Statue Athene darstellt, ist nicht fraglich, aber es beunruhigt, dass wir keinerlei Nachricht von einem Kult haben, dessen Riten für diese Athene im Parthenon vollzogen wurden. Und ohne Kult kann es sich nicht um einen Tempel gehandelt haben. Auch dazu später mehr. Wir treten aus der Cella wieder hinaus und gehen innerhalb der den Bau umfassenden Säulenreihe einmal um die Cella herum. Dabei stellen wir fest: Im Anschluss an die Cella gab es einen kleineren zweiten Raum, der durch ein Gitter nach außen geschützt war. Das ist das Opisthodom, wörtlich das hintere Haus (denn wir sind ja an der Rückseite, wenn man diesen Teil auch beim Betreten der Akropolis als ersten sieht), in welchem der Schatz der Göttin aufbewahrt wurde.
 
Aber der Rundgang um die Cella galt dem Fries, der in 160 m Länge ganz am oberen Rand der Cellawand um sie herum läuft. Seine etwa 1 m hohen Platten sind etwas vorgeneigt, damit sie Licht von unten bekommen und etwas besser zu sehen sind. An den beiden Längsseiten und an der Westseite ist offenbar ein Festzug dargestellt, mit Opfertieren, mit feierlich schreitenden alten und jungen Festteilnehmern, mit jugendlichen Reitern und anderem mehr. Das muss, so ist die Ansicht vieler, der Panathenäenzug, also der Höhepunkt der Selbstdarstellung des demokratischen Athen sein. Freilich gibt es bei dieser Deutung beunruhigende Unstimmigkeiten. Etwa: Aus der Antike haben wir keine diesbezügliche Nachricht; wir fragen uns, warum eigentlich weder Hopliten noch gar Theten als Ruderer dargestellt sind, sondern nur die adlige Reiterei; beim Panathenäenzug wurde das große Modell eines Schiffes mitgeführt, das hier fehlt; und vor allem: Der Panathenäenzug hatte ja das Heiligtum der Athena Polias zum Ziel, und das war bis zu seiner Zerstörung durch die Perser 480 v. Chr. der Alte Athenetempel, der das Kultbild der Athena Polias beherbergte, und seine Funktion übernahm später das Erechtheion, das als Tempel ionischer Ordnung zwischen 421 und 406 v. Chr. erbaut wurde. Wo das Kultbild zwischenzeitlich stand, weiß man nicht sicher. Als ob das noch nicht genug an Problemen wäre, bietet schließlich auch der Ostfries gravierende Deutungsprobleme.
 
In der Mitte sieht man zwei Personengruppen, die sich in der Art ihrer Ausführung und in ihrer Thematik deutlich von allen anderen abheben. Rechts steht ein Mann, dem von einem Knaben (oder Mädchen?) ein gefaltetes Tuch überreicht wird; links eine Frau, und ihr gegenüber zwei Mädchen, die je eine Platte auf dem Kopf tragen, und auf jeder der beiden Platten befindet sich ein wulstiger Gegenstand. Was dem Mann, wohl einem Priester, gegeben wird, ist möglicherweise der Peplos, also das Gewand der Athena Polias, das ihr bei jeden Großen Panathenäen neu gewebt überreicht wird; insofern ist also der Zusammenhang mit dem Festzug gegeben. Aber was tragen die Mädchen auf dem Kopf? Bisher hat man gedacht, es seien Stühle oder Hocker mit einem Sitzkissen, wie sie die Götter links und rechts von der Gruppe benutzen. Aber genaues Hinsehen hat jetzt gezeigt, dass diese Sitzgelegenheiten anders gestaltet werden, und vor allem: Was das rechte Mädchen in der Hand hält, ist kein Stuhlbein, sondern eine Fackel, wie man sie zu nächtlichen Zeremonien braucht, und das unterstützt die Vermutung, dass es sich nicht um den Panathenäenzug, sondern um einen anderswo bezeugten Kult handelt, bei dem zwei Mädchen »unsagbare Dinge« herbeibringen. Was das für Dinge sind, wissen wir nicht, aber die neue Auslegung dieser Friesplatte lässt zusammen mit den oben aufgeführten Beobachtungen die Darstellung des Panathenäenzuges anzweifeln. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass diejenigen, die an der Darstellung des Panathenäenzuges festhalten, den Cellafries nicht dahin gehend interpretieren, dass er ein konkretes Abbild des Zuges im Sinne einer Reportage wiedergibt, sondern ein »paradigmatisches Sinnbild des höchsten Kultfestes Athens« ist (Heiner Knell).
 
So nehmen auch die zwölf olympischen Götter, als Sitzende haben sie dieselbe Höhe wie die aufrecht stehenden oder sich bewegenden Menschen, an den Feierlichkeiten — allerdings recht unberührt — teil, und die Phylenheroen sind auch anwesend. Wer sie und überhaupt alle Parthenonskulpturen zusammen und aus der Nähe betrachten will, braucht übrigens nicht nach London und dann weiter um die halbe Welt in die Museen zu reisen, in der Skulpturhalle in Basel hat man sie alle in Gipsabgüssen zusammen — zwar nur in Gips, aber dafür zum eingehenden Betrachten ideal.
 
Die Frage, was der Parthenon nun eigentlich ist, wurde immer noch nicht beantwortet und kann wohl auch nicht endgültig beantwortet werden. Trotz kontroverser Meinungen hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass dieser Bau mehr als nur ein Sinnbild und Inbegriff des neuen demokratischen Athen ist; seine Bildersprache verdeutlicht die Konzentrationsbestrebungen Athens, die machtpolitisch durch die Überführung der Bundeskasse von Delos nach Athen zum Ausdruck kam. Und mit dem Standpunkt, dass der Parthenon die Manifestation der Vormacht Athens im Seebund ist, lässt sich auch erklären, dass seine Finanzierung aus den Mitteln der Bundeskasse erfolgt ist. Er ist damit auf jeden Fall das repräsentative Schatzhaus des Seebundes in Gestalt eines dorischen Tempels.
 
Zurück zur Akropolis. Deutlich zu sehen ist der steinerne Tempelgrundriss des Alten Athenetempels parallel zur Nordfront des Parthenon. Genau vor der Ostfront des Athenetempels befand sich der große Altar, und es ist eine einleuchtende Vermutung, dass dieser Altar auch für einen Kult Verwendung finden konnte, der möglicherweise mit dem Parthenon zusammenhing; es gibt Parallelen für eine solche Mehrfachnutzung, aber sicher ist sie in diesem Fall nicht. Das Kultbild, das Xoanon, war nicht mehr als ein archaisches Holzstück, das als magisch aufgeladen empfunden und seit undenklichen Zeiten als Athena-Polias-Figur verehrt wurde. Wo es nach der Zerstörung aufbewahrt wurde, ist nicht klar — war etwa die Cella des alten Tempels erhalten geblieben? Später jedenfalls stand es im Erechtheion. Dieses hat seinen Namen nach dem mythischen Urkönig Erechtheus, und die Verzwicktheit des Grundrisses des Erechtheions resultiert daher, dass man sich beim Bau an die Gegebenheiten der alten Heiligtümer anpassen musste, die hier waren.
 
Das Erechtheion wurde erst im Peloponnesischen Krieg errichtet, womöglich deshalb, weil das Unglück, das die Stadt traf, auf den Unwillen der hier verehrten Götter und Heroen zurückgeführt wurde. Es bestand aus vier Teilen. Der Hauptbau mit seiner mit eleganten ionischen Säulen geschmückten Ostfront enthielt das Kultbild der Athena Polias, und hier endete zu dieser Zeit dann der Panathenäenfestzug, hier wurde das Xoanon mit dem neuen Peplos bekleidet. Unsymmetrisch an der Nordseite stand ein kleinerer, prunkvoller Bau, dessen Front von der Stadt zu sehen war und der vielleicht als Palast des Erechtheus gelten wollte. In der Decke wurde ein Loch gelassen, und im Fußboden wurde die Stelle darunter ebenfalls frei gelassen, denn man nahm an, dass im Streit zwischen Athene und Poseidon um den Besitz Athens hier der Gott seinen Blitz habe hineinfahren lassen. Westlich schlossen sich weitere heilige Bezirke an; dort stand der heilige Ölbaum der Athene, wo man auch heute wieder einen Ölbaum hingesetzt hat. An der Südseite war, ebenfalls asymmetrisch, eine kleine Halle an den Hauptbau gesetzt, deren Dach statt von Säulen von Mädchen getragen wurde, Koren auf griechisch, daher bezeichnet man sie heute als Korenhalle. Wie so vieles ist auch ihre Bedeutung und Funktion nicht endgültig geklärt.
 
Das Theater — Tragödien und Komödien
 
Glanz ging also von der Akropolis aus, Glanz, der zu einem nicht geringen Maß geplant war, und dabei hat unser Rundgang nicht im Entferntesten alles genannt, was an Heiligtümern und Standbildern sonst noch dort oben zu sehen war. Keinesfalls planbar war nun aber Athens Rolle als Zentrum des geistigen Lebens Griechenlands. Dass die Person des Perikles viele Intellektuelle aus ganz Griechenland anzog, kann man noch verstehen, und vielleicht war es auch diese Tatsache, die an ihm Eigenschaften von Tyrannen entdecken ließ, die sich ja auch gerne mit Künstlern umgaben. Völlig unplanbar — und letzten Endes unerklärbar — ist aber, dass Athen die Stadt war, die — nach zum Teil anderswo zu lokalisierenden Anfängen — zur Kunstform des Theaters gefunden und zugleich mit den Dramatikern Aischylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes auch die klassischen Dichter hervorgebracht hat, deren Kunstwerke unerreicht geblieben sind. Die überzeitliche Geltung dieser Stücke ist besonders bemerkenswert, denn wenn jemals etwas nur für eine ganz bestimmte Gelegenheit verfasst worden ist, dann sind es die athenischen Tragödien und Komödien: Im 5. Jahrhundert v. Chr., der Epoche ihrer Entstehung und ebenso ihres Endes, waren sie nur für eine einmalige Aufführung geschrieben worden.
 
Sie wurden für die Feierlichkeiten zu Ehren des Gottes Dionysos verfasst, deren es zwei gab, die Großen oder Städtischen Dionysien im Monat Elaphebolion (März/April) und die Lenäen im Gamelion (Januar/Februar). Besonders feierlich wurden die Großen Dionysien abgehalten, mit zahlreichen religiösen Zeremonien und eben mit Theateraufführungen an drei hintereinander folgenden Tagen im Heiligtum des Dionysos Eleutherios am Südhang der Akropolis. Seit 486 v. Chr. waren sie eine staatliche Einrichtung. Beim Archon Eponymos wurden alljährlich die Stücke eingereicht, und er bestimmte die, die aufgeführt werden sollten, und wer als Chorege die Aufwendungen für die Aufführung zu übernehmen hatte. An jedem Tag wurden drei Tragödien und ein Satyrspiel eines Dichters aufgeführt, und am Ende der drei Tage beurteilte eine Kommission aus zehn Männern, welcher Dichter den ersten, zweiten und dritten Platz bekommen sollte. Die Lenäen kamen 442 v. Chr. in staatliche Regie, unter dem Archon Basileus, und bei ihnen standen Komödien im Vordergrund, Tragödien wurden nur je zwei von zwei Dichtern aufgeführt. Besonders politisch-festlich ging es zu Beginn der Aufführungen an den Großen Dionysien zu. Als Erstes wurden verdiente Bürger ausgezeichnet, und die volljährig gewordenen Söhne von im Krieg Gefallenen erhielten ihre Hoplitenrüstung. Schließlich erschienen die Delegationen des Attischen Seebundes und lieferten ihre Tribute ab, zur Schau gestellt in der Orchestra des Theaters.
 
Außer gelegentlichen unmittelbar politischen Themen waren die Stoffe der Tragödien den Heroensagen entnommen, und da wir die Aufführungsjahre kennen, können wir sehen, wie Gegenwartsthemen, auch die des Peloponnesischen Krieges, in dem Medium der kunstvoll reflektierten Heldensagen dem athenischen Publikum zur Diskussion gestellt wurden; es erfordert heute viel Fingerspitzengefühl, in der Interpretation weder allzu direkte Gegenwartsanspielungen noch allzu abstrakte allgemeine Überlegungen in den Vordergrund zu stellen. Genau umgekehrt war es bei der Komödie; so kunstvoll auch sie aufgebaut ist, so unmittelbar brachte sie aktuelle Tagesereignisse auf die Bühne. Dass hier das Publikum mitging, verwundert nicht, wohl aber nötigt es uns heute Staunen ab, dass die schweren Themen und die tiefsinnigen Reflexionen der Tragödie die athenische Bügerschaft so gefesselt haben, dass sich diese wackeren Männer (und wenigen Frauen) Jahr für Jahr mehrere Tage lang unverdrossen viele Stücke tiefsten Ernstes ansahen und sie beurteilen konnten. Ausländer waren nicht dabei, und insofern war der Glanz, der von diesen Aufführungen ausging, etwas Innerathenisches.
 
Aber auf zwei Weisen drang er dann doch nach außen. Zunächst einmal wurden die Texte der Stücke in Buchform veröffentlicht, und zum anderen begann man dann auch, diese Stücke außerhalb Athens zu spielen. In Athen setzt mit dem Jahr 386 v. Chr. die Übung ein, für frühere Gelegenheiten geschriebene Stücke wieder aufzuführen, und wer heute durch die griechische Welt fährt und die antiken Theaterbauten sieht, die sich auch kleine griechische Städte leisteten, der sieht anschaulich, welch ungeheure Verbreitung diese athenische Erfindung genommen hatte.
 
 
Glanz und Schatten — noch einmal soll höchster Glanz vorgeführt werden, auf den dann schon die ersten Schatten fallen. Ich meine die Geschichtsschreibung, auch sie ist eine athenische Erfindung, wenn auch ihr Begründer, Herodot aus Halikarnassos in Kleinasien, kein Athener ist. Verwandt war er mit dem dortigen Dynastengeschlecht. Weshalb Herodot trotz dieser Herkunft doch für Athen in Anspruch genommen werden muss, liegt zum geringeren Teil daran, dass bei aller Vielfalt seines Werkes doch Athen in dessen Zentrum steht; vor allem aber hat Herodot sein Geschichtswerk in Athen geschrieben, es dort auch zuerst durch öffentliche Lesungen einem intellektuellen Publikum nahe gebracht, ist also ganz Teil der geistigen Bewegung gewesen, deren schöpferische Geister sich in Athen gegenseitig anregten und die die Stadt nicht nur zur politischen, sondern auch zur kulturellen Hauptstadt der damaligen Welt machte. Herodots Thema ist das säkulare Ereignis der Perserkriege.
 
Natürlich hat es Vorläufer gegeben. Im Alten Orient und Ägypten lebte man nicht in den Tag hinein, aber die Königslisten und Chroniken, die Ereignisse listenmäßig erfassten, waren keine rationalen Darstellungen von Geschichtsabläufen. Die Bücher des Alten Testaments waren da schon näher an wirklicher Geschichtsschreibung, aber sie stehen trotz der Darlegung innerer Zusammenhänge noch ganz unter einem religiösen Geschichtsverständnis. In Griechenland hatte man die homerischen Epen durchaus für Geschichtsschreibung gehalten, weil sie Ereignisse wiedergaben, die man für tatsächliches Geschehen hielt, und hinsichtlich der Seefahrerabenteuer der »Odyssee« kann man sogar sagen, dass so, in rationalerer Form, wohl tatsächlich frühe Texte ausgesehen haben, insofern sie praktische Logbücher darstellten, die Hinweise über geographische und ethnologische Sachverhalte mitteilten. Diese Art von Literatur, die die Welt im Raum zu erfassen versuchte, ist dann durch den Milesier Hekataios im 6. Jahrhundert v. Chr. zu einem vorläufigen Abschluss gebracht worden. Hekataios hat außerdem dieses Verfahren auf die Dimension der Zeit übertragen, indem er als Maßeinheit die Generation einführte (35 Jahre) und rationalistische, aber doch willkürliche Kritik an Sagenstoffen übte.
 
Herodots Gegenstand ist das weltliche Geschehen der jüngsten Vergangenheit, die Perserkriege, und er will nicht nur die Sachverhalte mitteilen und dadurch verhindern, dass sie in Vergessenheit geraten, sondern er betrachtet sie als komplexen, zusammenhängenden Geschehensverlauf, den er erklären will. Deshalb sieht er den ganzen Vorgang nur als das letzte, wenn auch wichtigste Glied in einer Kette von Auseinandersetzungen zwischen Europa und Asien, und deshalb sieht er seine Aufgabe darin, den Lesern überhaupt erst eine Vorstellung von dem Riesenreich zu geben, mit dem die Griechen es zu tun hatten. Deshalb handeln die ersten Bücher des Werkes, in Nachfolge der früheren Literatur, von den einzelnen Bestandteilen des Perserreiches und ihren geographischen, ethnologischen und historischen Gegebenheiten, von Ägypten bis zum Schwarzen Meer und bis nach Indien. Erst dann biegt er in die Geschichte der Perserkriege ein, die in allen Einzelheiten erzählt werden. Herodot ist ein gewissenhafter Autor. Er berichtet nur von dem, was man wissen konnte. Das bedeutet zum einen, dass er bei aller Frömmigkeit ein unmittelbares Eingreifen der Götter nicht kennt, wohl aber menschliche Überhebung als strafbar ansieht, etwa in den Geschichten von Polykrates oder von Krösus. Das bedeutet weiter, dass er sich beim Berichten vergangener Ereignisse nicht weiter als drei Generationen zurückbegibt, weil die Überlieferung über Früheres zu unsicher ist — Krösus sei der Erste, von dem wir wissen, sagt er, wobei der Ton auf dem Wort wissen liegt.
 
Schließlich bemüht er sich, die Dinge selbst zu erkunden, durch Augenschein und durch mündliche Berichte anderer. »Erkundung« heißt auf griechisch historia, und daraus ist dann das lateinische Wort für Geschichte geworden; es bedeutet ursprünglich nur Erforschung, und erst durch und seit Herodot hat es den Nebensinn von Geschichtserforschung bekommen. Der Maßstab, den er an die Wahrhaftigkeit der Berichte legt, ist der des gesunden Menschenverstandes, wobei er sich gleichwohl oft Bären aufbinden lässt. Nicht selten legt er seinen Lesern zum selben Gegenstand auch die verschiedenen Versionen vor, die er gehört hat, und lässt uns auf diese Weise sogar an seinem Forschungsprozess teilnehmen. Sein Erzählstil hat oft etwas Rührendes, es macht ihm offensichtlich Freude zu berichten, was er herausbekommen hat, und umgekehrt sagt er bisweilen aus moralischer Missbilligung, dass er etwas nicht schreibe, obwohl er es wisse. Sein Gegenstand ist keineswegs nur die politisch-militärische Geschichte, sondern sein Geschichtsbild umfasst neben dem Erd- und Völkerkundlichen auch alle anderen Gegenstände der Kulturgeschichte, insbesondere der bildenden Kunst. Er kommt oft vom Hundertsten ins Tausendste, aber er hat die Fäden in der Hand und kommt immer wieder zum Ausgangspunkt zurück.
 
Wenn die zweite große Persönlichkeit der Geschichtsschreibung, Thukydides, etwas nicht war, dann war es sympathisch. Nicht, dass er auf die Leser unsympathisch wirken würde, sondern es sind nur diese Kategorien fehl am Platze. Thukydides ist tiefernst, und er hatte bei seinem Gegenstand, dem Peloponnesischen Krieg, ja auch allen Grund dazu. Er war Athener, kam aus vornehmer Familie, und seinem Werk merkt man an, dass er, jünger als Herodot, sich nicht nur von dem anregen ließ, was sich an geistigen Bewegungen in Athen abspielte, sondern dass er selber ein Teil dieser Bewegungen war. Man hört förmlich, etwa im Melierdialog oder in manchen Reden der Athener, die Sophisten ihre dialektischen Künste ausüben und zum Schluss das Recht des Stärkeren verkünden, oder man hat den Eindruck, wenn Thukydides seine Gegenwart und die Triebkräfte der in ihr Handelnden analysiert, dass hier ein tief besorgter Arzt über den kranken Körper seiner Gesellschaft gebeugt ist und die Diagnose stellt — die medizinische Wissenschaft erlebte im 5. Jahrhundert v. Chr. übrigens einen gewaltigen Aufschwung.
 
Thukydides teilt den Lesern nur in Ausnahmefällen mit, woher er seine Kenntnisse hat, aber soweit man ihn kontrollieren kann, treffen seine faktischen Angaben zu. Nach seinem Versagen bei Amphipolis musste er Athen verlassen, und man hätte gerne gewusst, wo er sich aufhielt, mit wem er umging, wie er zu seinen Ergebnissen kam. Sein Buch hat durchaus auch lediglich nüchtern berichtende Partien, es ist ja, nach der umfangreichen Einleitung mit der Vorgeschichte, streng chronologisch aufgebaut. Aber dazwischen stehen Schilderungen beispielhafter Ereignisse und vor allem die Reden. Sie haben die Funktion, wichtige Ereignisse und Entscheidungssituationen zu kommentieren, insbesondere dann, wenn es sich, wie meistens, um Redenpaare handelt, in denen in kontroverser Weise die Dinge von verschiedenen Seiten beleuchtet werden.
 
Thukydides' Diagnose seiner Zeit und des menschlichen Wesens überhaupt ist tief pessimistisch. Er meint, das politische Handeln der Menschen drehe sich vor allem um Machtfragen und beruhe auf Mehr-haben-Wollen, Herrschsucht, Angst, und seine einzige Hoffnung ist, dass vielleicht durch dieses Bewusstmachen und durch die Schilderung der furchtbaren Folgen Heilung eintreten könnte. Das einzig Unsympathische an ihm ist die Verächtlichkeit, mit der er Herodots Werk als bloßes vorübergehendes Hörvergnügen charakterisiert, während er für sich in Anspruch nimmt, mit seinen Schilderungen und Analysen einen »Besitz für immer« zu bieten. Mit dem einen hatte er nicht Recht, das andere trifft zu.
 
Nun gilt es aber, eine Einschränkung zu machen. Thukydides versteht unter Geschichte nicht mehr die Fülle der menschlich-gesellschaftlichen Lebensäußerungen, wie sie Herodot gesehen hat. Er reduziert die Geschichte auf das Politisch-Militärische, und die Frage ist, ob er damit Recht hat. Zunächst einmal hat er mit dieser Sichtweise Schule gemacht, und wenn man einmal die Tatsache beiseite lässt, dass für die Menschen ohnehin immer solche einschneidenden Ereignisse wie Umstürze und Kriege wichtigste Erlebnisse darstellen, dann kann jedenfalls für die Geschichtsschreibung gesagt werden, dass Thukydides mit diesem Geschichtsverständnis ungewöhnlich folgenreich gewesen ist. Die Frage ist nur, ob wir ihm in seiner Konzentrierung auf Politik, Krieg und Macht folgen wollen.
 
Aber abgesehen davon, Thukydides zeigt auch menschliche Züge: Man braucht nur den Melierdialog oder die Schilderung von der Abschlachtung der Plataier zu lesen, um zu empfinden, dass er zwar kommentarlos darstellt, aber doch bebt vor innerer Anteilnahme. 411 v. Chr. bricht das Buch ab, wohl weil ihn der Tod an der Vollendung gehindert hat. Wie hätte er das schreckliche Ende Athens beschrieben, diesen tiefsten Sturz aus höchster Höhe, selbst verschuldet und doch ein Unglück für ganz Griechenland?
 
Rhetorik und Philosophie
 
Zum Glanz der Polis Athen trug eine Literaturgattung bei, die in Sizilien ihre Anfänge erlebt hat, aber in Athen ausgebildet und auf ihren Höhepunkt geführt worden ist, die Redekunst, griechisch Rhetorik. Ihren lebensweltlichen Ausgangspunkt dürfte sie in der Notwendigkeit gehabt haben, vor großen Hörerschaften wie Volksversammlungen und Volksgerichten zu reden und seinen Standpunkt zu vertreten. Der sizilische Sophist Gorgias aus Leontinoi soll 427 v. Chr., als er nach Athen kam und die Stadt um Hilfe gegen Syrakus bat, den Athenern zum ersten Mal einen Begriff von der Redetechnik gegeben haben, die sie dann zur Vollendung brachten. Schon die von Thukydides künstlerisch gestalteten Reden in seinem Geschichtswerk zeigen einen solchen Einfluss einer rhetorischen Technik, aber vor allem dann die eben genannten Situationen, in denen es nötig war, durch kluge Argumentation und geschickten Aufbau Zuhörer zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurden die ersten Reden publiziert; bei Gerichtsreden war das insofern einfach, als im athenischen Gerichtssystem ja die Parteien in Person reden mussten und sich nicht vertreten lassen durften, auch wenn die einzelnen Sprecher rhetorisch unbegabt waren. Daher wurden ihnen die Reden von anderen geschrieben, sie lernten die Reden auswendig, und auf diese Weise lagen dann schon von vornherein entsprechende Texte vor.
 
Die Veröffentlichung erfolgte aber weniger wegen des sachlichen Inhalts, obwohl er gelegentlich auch eine Rolle gespielt hat, sondern wegen der literarisch-rhetorischen Qualität. Demgemäß kann man sich auch nicht darauf verlassen, dass die Reden exakt so vorliegen, wie sie gehalten worden sind, sondern viele sind vor der Veröffentlichung stilistisch überarbeitet worden. Die ersten Reden dieser Art, in diesem Fall Gerichtsreden, sind von Antiphon überliefert, einem athenischen Intellektuellen, der das Oligarchenregime von 411 v. Chr. maßgeblich unterstützt hatte — von Thukydides hoch gelobt, wurde er wegen dieser Tätigkeit doch vor Gericht gestellt und hingerichtet. Auch Andokides, der Zweite, von dem Reden erhalten sind, war oligarchisch gesinnt; er soll am Hermenfrevel beteiligt gewesen sein. Wir haben von ihm Gerichtsreden — auch in eigener Sache — und eine Volksversammlungsrede. Ein großes Korpus erhaltener Reden haben wir dann von dem aus Syrakus stammenden Metöken Lysias, dessen Tätigkeit auch noch in das 4.Jahrhundert v. Chr. hineinreicht.
 
Dieses Jahrhundert ist dann die große Zeit der attischen Beredsamkeit. Ihr Hauptvertreter war der berühmteste Redner der Antike überhaupt, Demosthenes. Sein Ruhm beruhte zum einen auf dem Feuer seiner Reden, zum anderen auf seiner politischen Rolle. Zunächst Verfasser von Gerichtsreden, wurde er zum Hauptvertreter der politischen Richtung in Athen, die sich dem Vordringen Makedoniens und seines Königs Philipp II. entgegenstellte — »Philippika«, »Reden gegen Philipp«, sind seitdem zum Inbegriff leidenschaftlicher politischer Rede geworden. Nach dem Scheitern seiner Politik durch den Sieg Philipps erlebte Demosthenes noch die ganze Alexanderzeit, und als nach Alexanders Tod die Griechen noch einmal militärisch aufbegehrten, aber geschlagen wurden, beging er 322 v. Chr. Selbstmord.
 
Von seinem politischen Gegenspieler, Aischines, der eine makedonenfreundliche Politik vertrat, sind ebenfalls Reden überliefert; er starb noch zu Lebzeiten des Demosthenes im Exil auf Rhodos. Neben weiteren Rednern aus der 2. Hälfte des Jahrhunderts, deren Werk nur bruchstückhaft erhalten ist, verdient noch Isokrates Erwähnung, Schüler des Gorgias. Er lebte, uralt werdend, von 436 bis 338 v. Chr. und war zunächst nur Verfasser von Gerichtsreden. Danach jedoch schrieb er, wegen körperlicher Schwäche am Auftreten vor der Volksversammlung gehindert, zahlreiche fiktive Reden zu politischen Themen, die die athenische Politik in ihrem Auf und Ab begleiteten; diese Texte, da nicht wirklich als Reden gedacht, nahmen so den Charakter politischer Flugschriften an. Im Laufe seines politischen Lebens kam er zu der Ansicht, dass die Griechen gegen die teils latente, teils konkrete Gefahr anzugehen hätten, die vom Perserreich ausging, und als die politische Kraft, die diesen Perserkrieg zu führen hätte, sah er Makedonien unter König Philipp an.
 
Im Übergang zum 4. Jahrhundert steht die Person des Sokrates, symptomatisch im Leben und Sterben. Sokrates war der Sohn eines Steinmetzen und einer Hebamme, wurde selber Steinmetz und pflegte zu sagen, dass er seine Fragetechnik von seiner Mutter habe, indem er nichts anderes tue, als aus den Leuten das an Antworten herauszuholen, was schon in ihnen sei. Er beschäftigte sich nämlich unter Vernachlässigung seines Berufes damit, unablässig, überall und mit jedermann philosophische und lebensweltliche Fragen zu diskutieren; seine Frau Xanthippe wird in ungerechter Weise als zänkische Ehefrau geschildert, sie hatte aber Grund, mit ihm unzufrieden zu sein. Das Ziel seiner Diskussionen war, die in Umlauf befindlichen Meinungen einer genauen Prüfung zu unterziehen und nichts ungeprüft zu lassen. Insbesondere wollte er den Sophisten, die in intellektuellen Kreisen großen Anklang fanden, Oberflächlichkeit und Scharlatanerie nachweisen. Da er seine Diskussionen jedoch in spitzfindig anmutender Weise führte, unterschied er sich in der Wahrnehmung vieler selber nicht von diesen und wurde deshalb seinerseits als Sophist angegriffen, etwa von Aristophanes im Stück »Die Wolken«. Trotz seiner bescheidenen Herkunft verkehrte er in wohlhabenden und Adelskreisen, und auch das machte ihn vielen Demokraten verdächtig. Dabei war er ein loyaler Bürger, der gewissenhaft als Hoplit Dienst tat und der immer dann, wenn er Gesetzwidrigkeiten bemerkte, ohne Rücksicht auf seine eigene Person protestierte, so, in seiner Eigenschaft als Prytan, gegen die Pauschalverurteilung der Strategen im Arginusenprozess, so unter der Herrschaft der Dreißig Tyrannen gegen die Verhaftung Unschuldiger.
 
Sokrates hat nichts geschrieben, er war jedoch eine so bezwingende Persönlichkeit, dass es nicht nur zahlreiche Berichte über ihn gibt, sondern dass einer seiner Schüler, Platon, ihn als Dialogpartner in das Zentrum seiner Werke stellt. Im Jahre 399 wurde ein Strafprozess gegen ihn angestrengt, also in einer Zeit, in der der Peloponnesische Krieg und die ihm folgenden Verwerfungen gerade erst vorbei waren und das athenische Volk noch in einer tiefen Verunsicherung hinsichtlich der Werte lebte, die öffentlich zu gelten hätten. Sokrates wurde vorgeworfen, er stelle die Götter in Frage und verderbe die Jugend, Letzteres insbesondere in politischer Hinsicht. Seine Verteidigungsreden sind sowohl von Platon als auch von Xenophon überliefert, in durchaus divergierender Weise. Dennoch ist Sokrates zum Tode verurteilt worden; nach der Verurteilung verzögerte sich die Hinrichtung aus religiösen Gründen, und diese Zeit, in der Sokrates im Gefängnis darauf wartete, den Giftbecher trinken zu müssen, ist von Platon in den Dialogen »Kriton« und »Phaidon« ergreifend geschildert worden. Das Ergreifende ist insbesondere die Loyalität des Sokrates der polis gegenüber. Er hätte die Möglichkeit gehabt zu fliehen, aber er wollte den Gesetzen nicht untreu werden und starb.
 
Platon, einer vornehmen Familie entstammend, zog sich aus der polis zurück, der Überlieferung nach aus Erschütterung über den Tod des Sokrates. Gleichwohl oder eher gerade deshalb bemühte er sich in seinem Denken und in seiner Lehre, außer um erkenntnistheoretische Fragen, um den vollkommenen Staat, der keine Demokratie sein durfte; in seinen großen Werken »Staat« und »Gesetze« legte er diese Vorstellungen nieder. Er begnügte sich nicht mit der Theorie, sondern versuchte, praktisch zu wirken. Nach einer längeren früheren Reise nach Unteritalien und Sizilien versuchte er 366 und 361 v. Chr. im Syrakus Dionysios'II. seine Vorstellungen zu verwirklichen, scheiterte aber. Platons Wirken in Athen geschah im Rahmen einer Art Lebensgemeinschaft mit seinen Schülern; diese Gemeinschaft war als Kultverein für den Heros Akademos im Westen vor den Toren Athens organisiert und hieß daher Akademia, woraus unser Wort Akademie geworden ist. Dort unterrichtete Platon seine Schüler und diskutierte mit ihnen; viele sollen später in die praktische Politik gegangen sein. Platon tat es nicht mehr, insbesondere nicht im Rahmen der polis. Von ihm sind sieben Briefe überliefert, und im siebenten Brief, dessen Echtheit umstritten ist, begründet er in einem Lebensrückblick seine Abwendung von der Stadt Athen. Kurz nach der Jahrhundertmitte ist er gestorben.
 
Einer seiner Schüler war der aus Stageira auf der Chalkidike stammende Aristoteles. Hatte Platons Lehre ihr Zentrum in der Ideenlehre, so ist Aristoteles der große Sammler und Analytiker der empirischen Wirklichkeit. Auch er gründete einen Kultverein, im Osten Athens für den Kult des Apollon Lykeios, daher heißt seine Institution Lykeion, woraus unser Lyzeum geworden ist; in jüngster Zeit wurden vermutlich Reste des Lykeions freigelegt. Da oft im Umhergehen gelehrt wurde, nennt man die aristotelische Philosophie auch den Peripatos, von peripatein: umhergehen. Mit Ausnahme der Medizin hat Aristoteles alle Wissensgebiete in seine Forschung einbezogen, zum Teil auch durch seine Schüler sammeln lassen; sämtliche Naturwissenschaften, die Wirtschaft, die Poetik, natürlich die Philosophie. Für die Geschichte, die Staatslehre und die Wissenschaft von der Politik ist von unschätzbarem Wert die Tatsache, dass er auch die Staatsverfassungen gesammelt und analysiert hat. 158 Verfassungen wurden aufgenommen, und aus ihrer Analyse entstand das Werk »Politika«, wörtlich »Das auf die polis Bezogene«, bis zum heutigen Tag für die Erkenntnis des menschlichen Zusammenlebens unentbehrlich; von den Einzelverfassungen sind fast alle verloren, nur, glücklicherweise, die Athens ist erhalten geblieben.
 
Das staatstheoretische Werk des Aristoteles zeigt dadurch den Endpunkt der Vitalität der griechischen polis an, dass es sich nicht mehr der Einzelpolis verpflichtet fühlt, sondern den, um mit Max Weber zu sprechen, Idealtyp der polis herausarbeitet; von Aristote- les stammt die Typisierung der drei Verfassungsformen der Herrschaft eines Einzelnen, weniger und aller, also der Monarchie, der Oligarchie und der Demokratie mit ihren Perversionen und Mischformen. Mit dieser nüchtern-wissenschaftlichen Betrachtungsweise trat, ebenfalls weberisch gesprochen, die Entzauberung der gelebten Polisorganisation ein, oder besser, diese Entzauberung war eine Folge davon, dass die polis anfing, ihre Lebenskraft zu verlieren. Für die Lehre des Aristoteles war das ein Gewinn, denn dadurch errang sie überzeitliche Geltung; für das Mittelalter war er »Der Philosoph«.
 
 Alltag in Athen
 
Szenenwechsel. Wenn etwas düster war, dann die Weltsicht des Thukydides, und er hatte ja Grund dazu. Auf der anderen Seite spielte sich das tägliche Leben in der Großstadt Athen — und sonst in Griechenland — natürlich nicht unter den Auspizien von Tragik und Unglück ab, sondern war das sozusagen neutrale Gemisch von Freude, Trauer und Banalität, das überall und immer die Hauptkonstante des menschlichen Lebens ist. Das Leben der Athener fand, wie in allen Mittelmeerländern, großenteils im Freien statt, ja, bis tief in die Klassik hinein legte man anscheinend keinen großen Wert auf die Ausgestaltung der individuellen Wohnungen; selbst die Tyrannen hatten sich ja keine Paläste gebaut. Die Straßen waren schmutzig, es gab keine ausgebaute Kanalisation, die Wohnhäuser waren planlos aneinander gesetzt und von einfachster Bauart. Neue Ausgrabungen in Piräus haben einen standardisierten Haustyp zutage gefördert, den man in abgewandelter Form schon für die hellenistische Zeit in Olynth auf der Chalkidike kennen gelernt hatte, der in Athen aber in das frühe 5. Jahrhundert v. Chr. zu datieren ist. Der Stadtplaner und Staatsphilosoph Hippodamos aus Milet hatte der Überlieferung nach in Piräus ein ganz neues Stadtviertel angelegt, mit schachbrettartig sich kreuzenden Straßen und mit Häusern, die Ähnlichkeit mit unseren Reihenhäusern haben.
 
Man betrat ein solches Haus durch eine auf die Straße führende Tür über einen Flur, an den sich links und rechts Wirtschaftsräume — Läden, Werkstätten, Vorratsräume — anschlossen. Über einen Hof gelangte man in einen Vorraum, dann in einen Wohnraum mit Herd für die gesamte Familie; es gab einen weiteren Vorraum, neben dem der Andron lag, der Raum, in dem sich der Hausherr mit seinen gelegentlichen Gästen aufhielt. Über eine Treppe kam man in das Obergeschoss, in dem das Schlafzimmer und die Gynaikonitis war, der Frauenraum, in den sich die Frauen zurückziehen konnten, aber nicht mussten, wie bereits dargestellt wurde. Diese Typenhäuser, wie sie von ihren Entdeckern genannt worden sind, haben möglicherweise etwas mit der letzten und entscheidenden Phase der Demokratieentstehung in Athen zu tun.
 
Obwohl natürlich standardisierte Wohnhäuser für sich alleine noch nichts über die Staatsform aussagen, unter der sie gebaut worden sind, ist es doch ein eigenartiges Zusammentreffen, dass in Athen ausgerechnet in dieser Zeit von Staats wegen Häuserkomplexe angelegt wurden, die die Gleichheit ihrer Bewohner voraussetzten oder herstellten. Jedenfalls trifft dieses Phänomen mit einem weiteren zusammen. Im 5. und in großen Teilen des 4.Jahrhunderts waren die Häuser schmucklos, und das änderte sich gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Jetzt sind archäologisch zum Prunkvollen neigende Ausgestaltungen von Privathäusern nachgewiesen worden, und die Vermutung hat viel für sich, dass dieses Hervortreten einzelner Individualitäten etwas mit der Auflösung des egalitären Polisbewusstseins zu tun habe.
 
Den Alltag einer durchschnittlichen athenischen Familie darstellen zu wollen, ist natürlich ein unmögliches Unterfangen, obwohl wir durch die Komödie, durch Gerichtsreden und durch die archäologischen Funde immer mehr Hinweise darauf bekommen. Immerhin war die Mehrkinderfamilie das Normale, gelegentlich hatte der Haushalt einen Sklaven oder eine Sklavin, der Mann arbeitete als Handwerker oder Bauer, die Frau half mit, war zwar überwiegend im Haus beschäftigt, sodass oft der Mann einkaufte; wenn der Haushalt aber etwas produzierte, verdiente die Frau auch als Marktfrau etwas für die Familie. Der Mann saß ausgiebig in den demokratischen Gremien, an denen die Frau nicht beteiligt war, er diente als Fußsoldat im Heer oder als Ruderer in der Flotte, er sah sich die kultischen Theateraufführungen an, bei denen gelegentlich auch Frauen unter den Zuschauern waren. Es gab zahlreiche religiöse Feste, darunter auch solche, die, wie die Thesmophorien, nur für die Frauen abgehalten wurden. Auf die unverheirateten Mädchen wurde, wie in allen vorindustriellen Gesellschaften, scharf aufgepasst, und sobald sie die Pubertät hinter sich hatten — manchmal schon vorher —, wurden sie verheiratet. Beide, Mann und Frau, waren stolz darauf, Athener zu sein und in einer voll entwickelten und mächtigen Demokratie zu leben.
 
Entsprechend ärmlicher ging es in der Unterschicht zu; die Typenhäuser kann man sich schlecht als Behausungen dieser Schicht vorstellen. Hier herrschte fremdbestimmte Handarbeit und Tagelöhnerwesen vor, und als Kriegsdienst kam nur der Flottendienst in Betracht. Der große Aufschwung, den Athen durch den Seebund im 5. Jahrhundert v. Chr. auch in wirtschaftlicher Hinsicht nahm, schuf viele Arbeitsplätze und hat wohl wirkliche Armut verhindert; im 4. Jahrhundert änderte sich das. Hinsichtlich der politischen Betätigung aber war der Besitzlose nicht nur gleichberechtigt, das Erstaunliche — und viele Empörende — war vielmehr, dass er diese Berechtigung auch ausübte; die demokratische Flottenmannschaft vor Samos in der letzten Phase des Peloponnesischen Krieges dürfte aus solchen Leuten bestanden haben. Dass auch der Besitzlose jedenfalls elementare Lese- und Schreibkünste beherrschte, folgt aus dem hohen Grad von Schriftlichkeit, der die athenische Demokratie auszeichnete; Ostrakismos und öffentlich aufgestellte Inschriften hätten sonst einen Teil ihres Sinnes verloren.
 
Der Wohlhabende lebte auf anderem Fuß. Zwar hielt er sich in der Ausgestaltung seines Hauses zunächst zurück, aber der sonstige Lebensstil wich in bestimmten Einzelheiten deutlich ab. Für die Wohlhabenden und ihre Symposien stellten die athenischen Töpfer und Maler die wundervollen Vasen her, während der Durchschnitt einfaches Geschirr benutzte. Die Wohlhabenden leisteten sich gelegentliche gleichgeschlechtliche Beziehungen, die von den Angehörigen der unteren Schichten verachtet wurden; die Wohlhabenden luden Hetären zu ihren Gastereien ein — für die anderen standen, wenn es denn sein musste, sonstige Dirnen zur Verfügung —, und umgekehrt sind es die Frauen und Töchter der Wohlhabenden, die nach einer sorgfältigen literarischen Erziehung Werke der hohen Literatur lasen und sich oft zu gut waren, auf die Straße zu gehen, sondern lieber zu Hause blieben. Die jungen Männer der Oberschicht wurden von Hauslehrern (paidagogoi, Pädagogen) erzogen, gingen ins Gymnasion, betrieben dort sportliche Übungen (angeleitet von paidotribes, Trainern) und traten, wenn sie es weit genug gebracht hatten, bei den großen Festspielen auf; der Frauensport hat wohl eher zu Hause stattgefunden. Den Kriegsdienst leisteten diese jungen Männer in der Kavallerie ab. Bei den Wohlhabenden wurden die neuesten Errungenschaften von Dichtung und Philosophie diskutiert, aber der genialste Intellektuelle von allen gehörte nicht zu ihrer Schicht, nämlich Sokrates, der Steinmetz.
 
Prof. Dr. jur. Wolfgang Schuller
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Griechen und Makedonen
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
griechischer Machtkampf: Perser - Athener - Spartaner
 
 
Alkaios: Lieder. Griechisch und deutsch, herausgegeben von Max Treu. München u. a. 31980.
 Aristophanes: Komödien. Nach der Übersetzung von Ludwig Seeger herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Hans-Joachim Newiger. Neuausgabe München 1990.
 Cicero: Gespräche in Tusculum. Lateinisch-deutsch, herausgegeben von Olof Gigon. Darmstadt 61992.
 Euripides: Sämtliche Tragödien.Nach der Übersetzung von Johann Jacob Donner bearbeitet von Richard Kannicht, 2 Bände Stuttgart 21958. Nachdruck Stuttgart 1984.
 Gehrke, Hans-Joachim: Geschichte des Hellenismus. München 21995.
 
Die griechische Literatur in Text und Darstellung, herausgegeben von Herwig Görgemanns, Band 4: Hellenismus, herausgegeben von Bernd Effe. Stuttgart 1985.
 
Die griechische Literatur in Text und Darstellung, herausgegeben von Herwig Görgemanns, Band 5: Kaiserzeit. Stuttgart 1988.
 
Griechische Lyrik, herausgegeben und übersetzt von Dietrich Ebener. Berlin u. a. 21980.
 
Griechische Lyriker. Griechisch und deutsch, übertragen und eingeleitet von Horst Rüdiger. Zürich 1949.
 Herodot: Geschichten und Geschichte. Übersetzt von Walter Marg, Band 1: Buch 1 - 4. Zürich 1973.
 Herodot: Historien. Herausgegeben von Josef Feix, 2 Bände Darmstadt 51995.
 Hesiod: Sämtliche Werke. Deutsch von Thassilo von Scheffer. Leipzig 1938.
 Homer: Die Dichtung und ihre Deutung, herausgegeben von Joachim Latacz. Darmstadt 1991.
 Homer: Ilias. Odyssee. In der Übertragung von Johann Heinrich Voss. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 21993.
 Knell, Heiner: Mythos und Polis. Bildprogramme griechischer Bauskulptur. Darmstadt 1990.
 Meier, Christian: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte. Taschenbuchausgabe München 1995.
 Meister, Klaus: Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. Stuttgart u. a. 1990.
 
Musa tragica. Die griechische Tragödie von Thespis bis Ezechiel. Ausgewählte Zeugnisse und Fragmente griechisch und deutsch, herausgegeben von Bardo Maria Gauly u. a. Göttingen 1991.
 Plutarch: Große Griechen und Römer. Aus dem Griechischen übertragen, eingeleitet und erläutert von Konrat Ziegler, 6 Bände. München 1979-80.
 Polybios: Geschichte. Eingeleitet und übertragen von Hans Drexler, 2 Bände. Zürich u. a. 21978-79.
 Radt, Wolfgang: Pergamon. Geschichte und Bauten, Funde und Erforschung einer antiken Metropole. Köln 1988.
 Sappho: Lieder. Griechisch und deutsch, herausgegeben von Max Treu. München u. a. 71984.
 Schneider, Carl: Kulturgeschichte des Hellenismus. 2 Bände. München 1967-69.

Universal-Lexikon. 2012.

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